Talentetausch Kärnten
Sintral und non-direktive Lebensweise

Anfang Jänner habe ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter das Centro Experimental Pestalozzi  bei Quito/Ecuador besucht. Die Projektleiter Rebeca und Mauricio Wild sind Tauschkreismitgliedern sicher ein Begriff. Vor zwei Jahren haben die beiden in Villach einen Erfahrungsbericht über Sintral-Gruppen gegeben. Mit Hilfe dieser Art des Tausch-Kreises finanzieren sie seit vielen Jahren das von ihnen gegründete und inzwischen weltweit bekannte Centro-Experimental-Pestalozzi. Dieses Kindergarten- und Schulprojekt basiert auf aktuellen neurologischen Erkenntnissen sowie den Grundlagen und Forschungserkenntnissen von M. Montessori und Piaget. In dieser Art der Pädagogik ist der Erwachsene für die Vorbereitung einer reichhaltigen Umgebung verantwortlich und nondirektiv tätig. Eigenintiative und Entscheidungen der Kinder haben Vorrang und werden von den Erwachsenen bei entsprechendem Bedarf begleitet. Der Beobachtung der Entwicklungsprozesse der Kinder und Jugendlichen kommt ein hoher Stellenwert zu, ebenso wie den für beide Eltern verpflichtenden Elterngesprächen.

Es herrscht eine paradiesische Athmosphäre respektvollen Umganges zwischen Erwachsenen, Kindern, Jugendlichen und Mitarbeitern und gegenüber uns Besuchern. Wir sehen strahlende und vertieft versunkene Gesichter, aus denen Zufriedenheit mit sich selbst und das Vertrauen in die eigene Kompetenz spricht. Der natürliche Wechsel zwischen Verinnerlichung und Mitteilung, Tätigkeit und meditativer Verabeitung, Betrachtung eigener Werke und aktivem Arbeiten, Freude am sozialen Austausch und Spiel berühren uns. Über der ganzen Anlage liegt Leichtigkeit und Freude. Wir gehen durch wunderbar gestaltetes Gelände am Fuße eines Berghanges. Es ist durchdrungen von Gerüchen, Geräuschen und Temperaturen einer tropisch beinflussten Vegetation mit angenehm mildem Klima. Das Kindergartengebäude im Rundbaustil ist mit dem naturnahen Garten umgeben, die Schulgebäude werden umringt von einer Vielfalt kleiner Werkstätten und Pavillons für Gespräche und Gruppentätigkeiten. Fußball- und Volleyballplatz, gewaltige Kletteranlagen und der Wald laden zu unzähligen Experimenten, Spielen und Tätigkeiten ein. Wir sehen Bürogebäude,große Tischlerei und ein Kuppelgebäude für das Autodidaktische Netzwerk. Dies ist eine vorbereitete Umgebung für die Weiterentwicklung Erwachsener. Theateraufführungen, Gärtnerei mit Mitarbeitern und einige Kilometer entfernt die gerade im Entstehen begriffene Lehrer-Wohnsiedlung, die als Gemeinschaftsprojekt die wirtschaftliche Entlastung der Mitarbeiter bewirken soll – hier wird Leben spürbar. Wir lernen einen Tagesablauf kennen, in dem den Kindern jeweils vier Stunden der Zeit gewidmet ist. Der Rest des Tages bis 17 Uhr dient dem Austausch im Team, den Vorbereitungen für Material und Umgebung, Elterngesprächen und -abenden und dem Eigenstudium.

Uns Besuchern war es am Vormittag gestattet, uns frei im Gelände zu bewegen. Zu Mittag wurden wir von einer Gruppe Jugendlicher in der Caféteria des Kuppelbau’s mit internationaler Küche verwöhnt. Der Nachmittag war unseren Fragen und dem Gespräch über den neurologisch-pädagogischen Hintergrund des Centro Experimental Pestalozzi gewidmet. Dabei begleitete uns zumeist Rebeca, da Mauricio derzeit mit wirtschaftlichen Belangen beschäftigt ist. In den letzten Jahren hat das Paar auf Grund der alarmierenden Wirtschaftssituation und eines drohenden Bürgerkrieges anlässlich der Wirtschaftsumstellung auf US-Dollar die Indianerbevölkerung darin unterstützt, Tauschgruppen zu gründen. Diese Sintral-Gruppen auf Tauschbasis sollten die Lebensgrundlage der Bevölkerung sichern. Mittlerweile gibt es annähernd 200 solcher autonomer Gruppen. Diese haben wiederum in Eigeninitiative begonnen, den Ansatz des nondirektiven Lernens für sich und ihre Kinder zu nutzen. Dazu sei erwähnt, dass 70% der erwachsenen Bevölkerung nach wie vor Analphabeten sind. Die Menschen in den autonomen Zentren sind jetzt dabei, wie ihre Kinder in kleinen vorbereiteten Umgebungen mit reichlich didaktischem Material ihren Interessen nachzugehen und zu lernen.

Die Wirtschaftslage des Landes hat bewirkt, dass das Centro nur mehr von 20% zahlender Eltern getragen wird. Mit Hilfe der Sintral-Organisation werden sowohl Gehälter als auch Verwaltung und Instandhaltung des Projektes finanziert. Die Situation hat sich allerdings inzwischen so zugespitzt, dass - sollte kein Wunder geschehen - das Gelände höchst wahrscheinlich verkauft werden muss. Es entspricht nicht der Lebensphilosophie der Wilds, nur mehr Kinder finanzkräftiger Eltern aufzunehmen, um das Projekt zu erhalten.

Mauricio entkräftet unsere Sorgen zwar damit, dass er mit dem Erlös des Verkaufes ein gänzlich von Finanzmarkt unabhängiges neues Centro im Rahmen des Lehrer-Wohnprojektes errichten möchte. Dennoch steckt mir die Betroffenheit in den Knochen. Eine Betroffenheit darüber, wie ein Projekt, das unbestritten wertvoll für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und vielleicht der ganzen Menschheit sein könnte, eine solche Ignoranz von außen erfahren kann. Es gäbe so unglaublich viel zu lernen! Wieso wird im Rahmen der Globalisierung eine finanzielle Unterstützung solcher Initiativen missachtet? Liegt die Lösung tatsächlich ausschließlich im individuellen Weg ? Warum haben neurologische Kreise, deren Theorien durch die praktische Umsetzung der Arbeit der Wilds bereits mehrfach bestätiget wurden, kein Interesse an der Investition in die Zukunft von Individuen? Diese Investition ist vielleicht ein Ansatz in die Zukunft der Menschheit!

Hier in Europa machen sich Menschen Sorgen über die Perfektion ihrer Frisur und leiden gleichzeitig unter unmenschlichem Leistungsdruck. Dort habe ich unzählige strahlende und in Muße handelnde Menschen gesehen. Ihre Existenz und ihr Beitrag zur Weiterentwicklung dieses Planeten sind allerdings gefährdet durch die Korruption und Wirtschaftsmacht derer, die ausschließlich an persönlichen Gewinnen orientiert sind.

Sollte der Kärntner Talente-Tauschkreis Ideen zur Unterstützung des Centro-Experimental haben so sind Rebeca und Mauricio Wild unter folgender e-mail-adresse zu erreichen:  marwild@accessinter.net

Ilse Neunteufel




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