Über die Prostitution als Wesensmerkmal unserer Gesellschaft
Heutzutage ist es üblich, dass man für Seminare etc. zahlt oder zumindest einen Eigenbeitrag leistet. Das war zumindest in der LehrerInnenfortbildung nicht immer so: Fortbildung war ein öffentliches Gut, denn gut qualifizierte Lehrkräfte wurden als eine Voraussetzung für einen guten Unterricht und damit letztlich für eine gedeihliche gesellschaftliche Entwicklung gesehen. Das hat sich - unter dem realen oder eingebildeten - Zwang zum "Sparen" gewandelt - auch in der LehrerInnenfortbildung werden z.T. kräftige "Selbstbehalte" verlangt - wenn nicht gar alles von den Fortbildungswilligen selbst bezahlt werden muss."Warum nicht? Schließlich haben die TeilnehmerInnen ja auch was davon, es wird getanzt, Filme angeschaut ...", meinte kürzlich die Leiterin eines Lehrganges, in dem mit allen Sinnen die globalisierte Welt behandelt wird.
Im ersten Moment scheint die Kollegin recht zu haben, wenn da nicht etwas wäre, was mich stutzig werden lässt: am Abend tanzen als Teil eines Paketes, für das ich zahle? Und mir fällt ein Prospekt ein, in dem ein privates Fortbildungsinstitut, ebenfalls als Teil eines Programmes, am Abend "Sitzen beim Lagerfeuer" anpreist. Und mir kommt das ungute Gefühl hoch, das ich beim "Ackern" bekomme - Gefühle, Lagerfeuerromantik, Tanz ... gegen Bezahlung.
Ist das nicht genau eines der Probleme, die Felix Mitterer mit seiner 4-teiligen Piefkesaga anspricht? Findet da nicht eine Motivverschiebung statt? Da wird ja nicht mehr getanzt aus Lebensfreude, aus Erotik oder aus welchen Gründen auch immer, sondern "um etwas zu bieten" bzw. auf der Seite derer, die zu KonsumentInnen geworden sind, "um etwas geboten zu bekommen".
Es entsteht ein ganz neuer Markt an Dienstleistungen, wie wir es vor Jahren nur aus den USA kannten. Und dieser Markt scheint den gleichen Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen wie die klassischen Warenmärkte. Sie haben eine irre Wachstumsdynamik (immer neue Autotypen ..., nunmehr "Lachseminare", "Naturerfahrung gegen Bezahlung"), und sie verändern die Beteiligten: Durch das Geld wird die Arbeitsteilung in ProduzentInnen und KonsumentInnen vertieft.
Das "Haben" wird zum entscheidenden Motiv, immer mehr, immer Ausgeflippteres drängt auf den Markt und wird auch gewollt - solange zumindest das Geld da ist. Mein Gegenüber, der dies "bietet", wird mir tendentiell egal. Was unter anderem verloren geht, ist die Erkenntnis, dass das Schaffen von Gegenständen oder das Lernen primär einmal etwas mit mir selbst zu tun hat.
Marianne Gronemeyer beschreibt das sehr schön am Beispiel des Baues eines mittelalterlichen Klosters. Gemeinsam wird gearbeitet, und diese Gemeinsamkeit ändert jeden Beteiligten, sie müssen sich anpassen, sich aneinander reiben, ja streiten ... Und die Weltsicht und die Bedürfnisse ändern sich mit der Bearbeitung des "Dinges", der Materie. Das einfache "Haben wollen" ist nicht möglich.
Ganz anders bei einer Wirtschaftsform, die auf einer Arbeitsteilung durch Geld beruht. Diese "Haben-Gesellschaft" ist uns allerdings schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie uns gar nicht mehr auffällt - außer sie stößt in neue Bereiche vor. Dann sind wir anfänglich noch von gewissen Erscheinungen befremdet. Dann erst fällt auf, dass die Prostitution ein Grundzug unserer Gesellschaft ist.
Walther Schütz c/o Bündnis für Eine Welt/ÖIE, Rathausgasse 2, 9500 Villach, Tel. 04242/24617. E-Mail: buendnis.oeie@aon.at
P.S. Ich habe neulich einen Artikel gefunden, der die oben beschriebenen Phänomene für den Gesundheitsbereich beschreibt, er ist zu finden unter www.aerzteblatt.de.
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