Talentetausch Kärnten
Der Gemeindebau zahlt in  Kaesch

 

Der Gemeindebau zahlt in "Kaesch"
Projekt: Ein Netzwerk für den Tauschhandel mit Dienstleistungen entsteht im Süden Wiens. Es gibt auch eine eigene Währung. 
Nachbarschaftshilfe: Gültaze Ekici (3. v. li.) sucht Englisch-Unterricht und bietet dafür Türkisch-Stunden an 
Mohammed sucht jemanden, mit dem er regelmäßig plaudern kann, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Dafür bietet er Entrümpelungsarbeiten an. Anna braucht einen Helfer, mit dem sie am Wochenende ihren Keller ausräumen will. Dafür geht sie für ältere Menschen einkaufen. Eine Einkaufshilfe würde wiederum Maria für ihre Mutter benötigen. Im Gegenzug gibt sie Deutsch-Stunden.
 
Jetzt helfen die drei einander gegenseitig. Sie hätten wohl nie zueinander gefunden, gäbe es nicht seit Kurzem das Projekt Kaesch. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk für Nachbarschaftshilfe, das in den Siedlungen Kabelwerk, Alt Erlaa, Am Schöpfwerk und Untermeidling aufgebaut wird. "Auf unserer Plattform werden alltägliche Dienstleistungen getauscht, zu denen man sonst nur schwer kommt", sagt Georg Hitsch, einer der Initiatoren. Die einzelnen Angebote und Nachfragen sind online und in der Mitgliederzeitung aufgelistet.
 
Positiver Nebeneffekt des Tauschbasars: Die Menschen, die sich gegenseitig helfen, lernen einander auch besser kennen. "Das verbessert das nachbarschaftliche Miteinander - vor allem auch zwischen Migranten und Einheimischen", betont Renate Schnee, die im Schöpfwerk die Sozialeinrichtung Bassena leitet. Gültaze Ekici sieht das genauso: "Kaesch ist ein gutes Integrationsprojekt. Bisher hatte ich kaum Möglichkeiten, mit meinen Nachbarn in Kontakt zu treten." Ekici ist auf der Suche nach Englisch-Nachhilfe, weil sie sich gerade auf ihre Studienberechtigungsprüfung vorbereitet. Dafür bietet sie Türkisch-Unterricht an.
 
Beim Abwickeln der Geschäfte fließt kein Euro, Anna zahlt fürs Keller-Entrümpeln bargeldlos in Kaesch. So heißt die Währung, die eigens für das Projekt geschaffen wurde. Eine Stunde Arbeit ist 100 Kaesch wert. Diese Summe entspricht 10 Euro. Wer in das Netzwerk einsteigt, bezahlt in der Standard-Variante einen Jahresbeitrag von 20 Euro, der in den Sachaufwand (z.B. Mitgliederzeitung) fließt. Für den neuen Teilnehmer wird ein Kaesch-Konto eingerichtet, von dem zunächst 400 Kaesch für den Organisationsaufwand abgebucht werden. Dieser Start mit einem Minus am Konto soll die Mitglieder motivieren, gleich eigene Dienstleistungen anzubieten. Der Standard-Überziehungsrahmen beträgt 2000 Kaesch, Zinsen fallen keine an. Die Buchungen erfolgen online oder über eigene Papier-Formulare.
U-Bahn-Plan
"Erfahrungen aus ähnlichen Tauschkreisen zeigen, dass etwa 50 Menschen mitmachen müssen, damit das Projekt dauerhaft läuft", sagt Hitsch. Er ist zuversichtlich, dass diese Zahl bald erreicht sein wird. Schließlich darf grundsätzlich jeder mitmachen - nicht nur die Bewohner der vier Siedlungen. Und seien die Anfragen noch so kurios: So sucht beispielsweise ein Schöpfwerk-Bewohner jemanden, der ihm einen U-Bahn-Plan an die Wohnzimmer-Wand malt.
Kurier/4.12.2010
 

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