Talentetausch Kärnten
Globalisierung einmal anders - weltweit entstehen neue Zukunftsmärkte. Das Motto: Geld spielt keine Rolle (Auszug eines Artikels aus einer deutschen Zeitschrift von Martin Vogelsang)
Der ziemlich sperrige Begriff Komplementärwährung lässt hoch komplizierte wirtschaftliche Sach-verhalte erahnen. Doch dem ist nicht so, wie ein Beispiel aus dem fernen Japan zeigt. Dort hatte der ehemalige Justizminister Tsutomo Hotta die Idee, eine eigene Währung zu schaffen, um ein drängendes gesellschaftliches Problem in den Griff zu bekommen: die Altenpflege. Die galt es zu sichern, ohne dafür staatliche Subventionen in Anspruch zu nehmen. Im sog. "Hureai Kippu"-System wird seit 1995 erfolgreich nicht mit Geld, sondern mit der Verrechnungseinheit "Service-Stunde" bezahlt, die den Helfern auf ein Zeitkonto gutgeschrieben wird.

Kein Yen Lohn fließt, wenn diese Aktivisten etwa für Senioren kochen oder die Körperpflege übernehmen. Die angesammelte Zeit kann dann später einmal selbst in Anspruch genommen oder auch an die Kinder vererbt werden. Ganz einfach. Klaus Kiene, seit Jahren engagiert in einem Bielefelder Tauschring, muss beim Thema Pflege und Japan im Gespräch kurz tief durchatmen: Der Hintergrund des Tauschgeschäfts "Dienstleistung gegen Zeit", betont er, erschöpfe sich nicht nur in Pflege-kategorien. "Das soziale Leben ist doch viel reichhaltiger".Tauschsysteme haben ihren Charme eben durch den menschlichen Faktor Geben und Nehmen. "Man hat die Möglichkeit, nicht nur anderen weiterhelfen zu können, sondern erhält auch etwas zurück. Dahinter steckt oft mehr als vordergründig zu erkennen ist." Was das alles umfassen kann, listet als Bsp. das Infoblatt "Lets-Tauschring" in München auf: "Alex repariert den Computer von Barbara... Barbara hilft Christians Sohn bei den Matheaufgaben, Christian verleiht seine Bohrmaschine an Doris usw." Bezahlt wird auch in Zeiteinheiten, den so genannten Talenten. Die Münchener Initiative ist eine von etwa 200 bundesweit. An die Geburtswehen erinnert sich die Mitinitiatorin Elisabeth Hollerbach. Damals, im April 1994, hatte man auch die minderbetuchte Klientel im Auge, die beim Tausch von Waren oder Dienstleistungen vor allem den Geldbeutel schonen wollte. Nicht nur das Heer der sozial Benach-teiligten, sondern ebenso die Tausch-willigen der Mittelklasse blieben aus: "Im ersten Jahr geschah relativ wenig, doch dann sind wir auf die Idee gekommen, Stadtteil-Treffen zu gründen. Als dann die ersten Berichte in die Presse kamen, ging es steil nach oben." Rund 600 Teilnehmer - querbeet durch die gesellschaftlichen Schichten - tummeln sich in dem etwas anderen Netzwerk, das unter dem Namen "Lets-Tauschnetz München" firmiert. Elisabeth Hollerbach geht es neben der Ent-wicklung sozialer Netze, solidarischem Handeln und alternat. Wirtschaften besonders darum, "die Tauschringe aus der Hausfrauisierung zu befreien." Das heißt: "In den Anfängen war viel von Haareschneiden und Babysitten die Rede, aber ich glaube die Tausch-ringe bieten heutzutage ein ganz anderes Experimentierfeld, das weit über die Nachbarschaftshilfe reicht." Jedes System funktioniert durch die Vielzahl an einzelnen Fähigkeiten und Dingen, die getauscht werden können, durch gegenseitiges Vertrauen in die Währung Zeit. "Im Grunde", sagt Klaus Keine "ist die Verrechnung der Zeitkonten nur ein Vehikel, um miteinander in Kontakt zu kommen."

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